Der Hambacher Forst – Mehr Als „Nur“ Klimaschutz

Student*innen der katholischen Hochschule Aachen waren am 14. November 2018 bei uns zu Besuch und diskutierten mit Aktivisti über gewaltfreie Kommunikation und gewaltfreien Protest. Wir freuen uns immer über Menschen die den Kontakt zu uns suchen und mit denen wir darüber reden können warum wir hier sind! Hier ein Bericht einer der Menschen die bei uns waren und im nachhinein reflektierend die Gedanken für uns festgehalten hat.

„Der Hambacher Forst – Mehr Als „Nur“ Klimaschutz

+++ Spoiler-Alarm: Dieser Bericht enthält keine einseitigen Darstellungen des Diskurses um den Hambacher Forst +++

Auch an uns als Studierende im Master der Sozialen Arbeit an der KatHO NRW in Aachen ist die Diskussion um den Hambacher Forst nicht spurlos vorübergegangen. Noch viel mehr: wir wollten uns selbst ein Bild davonmachen und das tun, worüber wir in der Sozialen Arbeit so oft reden: die Menschen selbst zu Wort kommen lassen. Im Rahmen eines Seminars, welches sich mit Fragen der Friedenspädagogik beschäftigte, passte diese Exkursion sehr gut, da wir uns nicht nur mit Gewalt, sondern auch mit deren Lösungsprozessen auseinandersetzen. Dafür durften wir am 14. November den Tag mit Camp- und Waldbewohner*innen verbringen, uns das Hambi Camp 2.0, die Wald- und Wiesenbesetzung ansehen und sehr viele Fragen stellen. Die Antworten, die wir erhalten haben, waren individuell, differenziert, komplex und vielschichtig, was uns auf der einen Seite einen tiefen Einblick gegeben hat und andererseits immer noch viel Stoff zum Nachdenken gibt.
Dabei erfuhren wir schnell, dass es um mehr geht, als den bloßen Widerstand gegen strukturelle Gewalt und die Schädigung des Weltklimas. Die Camp- und Waldbewohner*innen beschäftigen sich täglich mit Fragen, die eine ganzheitliche Perspektive an das Leben stellen: Wie wollen wir in Zukunft leben? Wie wollen wir miteinander umgehen? Wie können wir sensibel mit Menschen umgehen? Wie können wir gemeinsam Entscheidungen treffen? Welche Werte und Haltungen sind uns wichtig? Welche Rolle spielt dabei die Sprache, die wir verwenden? Wie wollen wir uns ernähren, wenn unsere Ernährung strukturelle Gewalt fördern kann? Wie wollen wir wohnen? Welche Art des Protests wollen oder müssen wir gestalten? Wie gehen wir mit unserer Identität und Persönlichkeitsrechten um? Wie gehen wir mit Gewalterfahrungen um? Und noch viele weitere.
Für genau diese Fragen bieten das Camp und die Besetzungen Raum zur Selbstreflexion, Diskussion, Konfliktbearbeitung und Entfaltung. Das, was die Camp- und Waldbewohner*innen am jetzigen kapitalistischen System kritisieren, wird um und im Hambacher Forst ständig ausgehandelt und gelebt. Dies bedeutet wiederum, dass alle Personen bewusste Entscheidungsprozesse durchlaufen und individuelle Perspektiven und Standpunkte aufzeigen, die wir nicht pauschal abbilden oder wiedergeben könnten.
Zudem bleibt uns besonders in Erinnerung, dass das gewaltbereite Bild der Camp- und Waldbewohner*innen, das teilweise einflussreiche Medien verbreiten, nicht oder nur teilweise die Realität abbildet. Ein großer Lebensbestandteil der Bewohner*innen, die wir getroffen haben, ist das Hinterfragen gesellschaftlicher Regeln und Normen. Dazu gehört auch die intensive Auseinandersetzung mit Gewalt in der Gesellschaft. Durch die Bereitschaft zur Selbstreflexion, haben die Camp- und Waldbewohner*innen die Wahl sich bewusst gegen Gewalt gegenüber anderen Lebewesen und die Natur zu entscheiden. Daher haben wir im Camp und im Wald eine tolerante und respektvolle Atmosphäre wahrgenommen. Bei Entscheidungen werden alle Bewohner*innen mit einbezogen und es wird diskutiert, bis jede/r mit dem Ergebnis zufrieden ist. Gewaltfreie Kommunikation und Respekt gegenüber den Mitmenschen sind hier Bedingung für ein gelingendes Zusammenleben. Die alternative Lebensform, die wir in Camp und Wald kennenlernen durften, zeigt uns, dass es durchaus andere Optionen gibt als sich dem System widerspruchslos anzupassen.
Was wir nun können, ist diese Erfahrungen mitzunehmen und für uns jeweils in den Kontext der Sozialen Arbeit einzuordnen. Wenn die Soziale Arbeit nach ihrer Definition gesellschaftliche Veränderungen und die Selbstbestimmung von Menschen fördern möchte, braucht sie neben den notwendigen Strukturen und Handlungen auf einer Mikroebene, der Lebenswelt, auch eine übergeordnete Zielrichtung, eine politische Haltung. Neben den wichtigen alltäglichen Fragen und Aushandlungsprozessen, die Sozialarbeiter*innen begleiten, ist es auch erforderlich, Prozesse auf einer Makroebene mitzugestalten. Diese Prozesse sorgen dafür, dass wir in einer Welt leben können, die friedlich, solidarisch und empathisch geprägt ist.
Diesen Spagat zwischen Aushandlungsprozessen auf einer persönlichen Ebene bis hin zu einem übergeordneten Ziel, für dass es sich einzutreten lohnt, konnten wir durch die Camp- und Waldbewohner*innen des Hambacher Forsts erfahren und möchten uns für diesen Einblick noch einmal herzlich bedanken!“

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